BundesarbeiterInnentage

"Umfairteilen statt unfair teilen"

"Umfairteilen statt unfair teilen"

...unter diesem Motto standen die diesjährigen BundesarbeiterInnentage, die vom 19. bis 20. September 2017 in Potsdam stattfanden

Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl diskutierten 120 ver.di Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem gesamten Bundesgebiet miteinander und mit den geladenen Referenten über die zunehmende Schieflage in unserer Gesellschaft. Die Vermögensverteilung in Deutschland wird von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als ungerecht empfunden. Der wachsende Reichtum einzelner und die immer größere Gefahr von Armut bei vielen anderen, spalten die Gesellschaft.

Dr. Dierk Hirschel akt Dr. Dierk Hirschel

Diese Kluft zwischen Arm und Reich hat ein Maß erreicht, welches den sozialen Frieden in Deutschland gefährdet. Die Referenten Dr. Dierk Hirschel (ver.di Bereich Wirtschaftspolitik) und Dr. Andreas Aust (paritätischer Gesamtverband) zeigten aus verschiedenen Blickwinkel die bestehende Vermögensungerechtigkeit in Deutschland auf. Beispielsweise die Wirkung von Steuergesetzen, wie z.B. der Vermögens- und Erbschaftssteuer, die zur Entlastung Reicher, nicht aber zu einer solidarischen Steuerpolitik führen.

Dr. Andreas Aust akt Dr. Andreas Aust

 

Teil des Fazit einer Meinungsumfrage des paritätischen Gesamtverbandes, durchgeführt zwischen dem 15. und dem 18. August 2017:

"Die Menschen wollen in ganz großer, parteiübergreifender Mehrheit eine solidarische Steuerpolitik, die Reiche stärker zur Verantwortung für dieses Gemeinwesen heranzieht und den Staat wieder in die Lage versetzt, in das Soziale zu investieren. Das zeigen unsere Umfrageergebnisse ganz zweifelsfrei. Wie immer die nächste Bundesregierung aussehen wird: Deutschland muss endlich wieder zu einer gerechten und auskömmlichen Steuerpolitik zurückfinden, als Grundlage und Voraussetzung für einen handlungsfähigen Staat, handlungsfähige Kommunen und eine Sozialpolitik, die alle mitnimmt und keinen zurücklässt." 

In den Beiträgen von Prof. Dr. Gerhard Bosch, Uni Duisburg- Essen, und Lothar Galow- Bergemann ging es um die Verteilung der Arbeitszeit- und des Arbeitsvolumens unter den Beschäftigten. Zunehmend finden atypische Beschäftigungen Einzug und verdrängen die früheren Beschäftigungsverhältnisse. Es entsteht dadurch nicht mehr Arbeit, sondern das bestehenden Arbeitsvolumen wird nur auf mehr Beschäftigte verteilt. Dies geht zu Lasten der Einkommen, 450,- € Jobs statt sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse, und damit natürlich zu Lasten der Menschen. Auch die zunehmende Prekarisierung der Beschäftigung durch Leih- und Zeitarbeit, befristete Beschäftigung und Werkverträge waren Thema.

Prof. Dr. Gerhard Bosch akt Prof. Dr. Gerhard Bosch

So zeigte Prof. Dr. Bosch in seinem Vortrag auf, dass zwar die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, im Vergleich mit den 60er Jahren gesunken ist, allerdings unbezahlte Überstunden und Teilzeitbeschäftigung stark zugenommen haben. Im Vergleich zum gestiegenen Produktivitätsvolumen sind die dafür nötigen Arbeitsstunden nicht gleichwertig mitgestiegen. Das heißt, dass steigende Produktion durch weniger Mitarbeiter geleistet wird und nicht mehr Arbeitsplätze entstanden sind. In diesem Umfeld haben sich außerdem neue Risiken für Beschäftigte entwickelt. So ist hier die schon erwähnte Zunahme unbezahlter Überstunden zu nennen, sowie die geforderte „Flexibilität“ durch Arbeit auf Abruf. Aber auch die durch Arbeitgeberinteressen bestimmte Gewährung von Freizeitausgleich oder Urlaub, sind eine zusätzliche Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Betrieben.

Lothar Galow-Bergemann akt Lothar Galow-Bergemann

Der Beitrag von Lothar Galow- Bergemann beschäftigte sich im Kern mit der Definition des Begriffs Arbeit und des Stellenwertes der Arbeit, also auch des arbeitenden Menschen in der Gesellschaft. Zu Beginn seines Vortrags beschrieb er die Entstehung der Lohnarbeit und zeichnete anschließend den Weg in die Jetztzeit fort. So gilt heute nur der arbeitende Mensch als wertvolles Mitglied der Gesellschaft, wo hingegen der nicht arbeitende Mensch weniger wert erscheint. Bei der Frage „Was bist du?“ beschreiben die Menschen sich eher mit ihrer Berufsbezeichnung als mit einer ihrer anderen wertvollen Eigenschaften. Dies zeigt in dramatischer Weise die tiefgehende Verwurzelung der Lohnarbeit in der modernen Gesellschaft und die Hürden die noch zu nehmen sind, um neue Gesellschaftsmodelle zu ermöglichen. Eine Diskussion, z.B. um das bedingungslose Grundeinkommen, wird sich dem stellen müssen.

Dr. Rudolf Zwiener akt Dr. Rudolf Zwiener

Als aktuellen Input zur laufenden Rentenkampagne vor der Bundestagswahl, stellte Dr. Rudolf Zwiener den Vergleich der Rentensysteme zwischen Deutschland und Österreich her. Bemerkenswert ist die Vergleichbarkeit der Wirtschaftskraft der beiden Länder, aber die Unterschiedlichkeit der Rentensysteme. In Österreich erhalten Beschäftigte, durch eine bessere Gesetzgebung, durchschnittlich mehr Rente als eine Kollegin/ ein Kollege in Deutschland. Hier zeigen sich die Möglichkeiten, Menschen am Ende des Erwerbslebens besser zu versorgen, wenn der politische Wille dazu besteht. Von diesem Willen ist hierzulande allerdings derzeit - und wahrscheinlich auch in Zukunft - in der deutschen Politik nichts zu spüren.

Die Themen- und Referentenauswahl, sowie die sich anschließenden regen Diskussionen, haben den teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen der BundesarbeiterInnentage, einen anderen Blick auf die aktuellen Probleme in unserem Land ermöglicht und vielleicht auch einige umsetzbare Lösungen aufgezeigt. Diese Lösungsansätze können den aktiven Kolleginnen und Kollegen als Anregungen für ihre Aktivitäten in der nächsten Zeit dienen.